|

Es ist Dezember, es ist kalt draußen und an jeder Ecke kann man Eislaufen und Glühwein trinken. Sofern man überhaupt das Haus verlassen will. Das wollten am Abend des 11.12.07 wohl nicht sehr viele. Zumindest nicht um in den Kleinen Klub der Saarbrücker Garage zu gehen, wo der Rockstar-Verein zum Konzert lud. Und das obwohl es ein so kuscheliges Vorweihnachtskonzert war: wenige Zuschauer, wenig Krach, wenige Instrumente, wenige Künstler. Alles extrem minimalistisch…fast schon romantisch! Vor etwa 20 Leuten, größtenteils sitzend, spielten die beiden Singer-/Songwriter Ian Love und Jonah Matranga. Den Anfang machte Ian Love, bei dem man nur anhand alter Tätowierungen auf seine wilde Vergangenheit schließen konnte. Würde man den Pullover darüber ziehen, könnte man Ian Love ganz getrost auf dem Weihnachtsmarkt abstellen. Doch um an diesen Punkt zu kommen, hat er schon einiges ausprobiert und hinter sich gebracht. Er hat sich an Kokain und Heroin versucht und ist in der New Yorker Hardcoreszene herumgetingelt bis er Anfang des Jahrtausends bei Rival Schools mitwirkt. 2005 beginnt Ian Love seine stille Karriere als Singer-/Songwriter und Anfang 2007 erschien dann auch in Deutschland sein gleichnamiges Debütalbum. Eine wirklich zuckersüße Musik für gewisse Momente im Leben, jedoch nicht unbedingt das alleraufregendste für einen Rockschuppen. Der sympathische, etwas untersetzte 31Jährige ist nicht einfach nur mit Jonah Matranga auf Tour, die beiden kennen sich spätestens seit ihrer musikalischen Zusammenarbeit 2001 als Rival Schools mit Onelinedrawing eine Split-Ep veröffentlichten. Und neben mehrmaligen Freundschaftsbekundungen, gab es auch in beiden Teilen des Konzerts Duoprojekte. Und für meinen Geschmack verblasste Ian Love spätestens dann als Jonah Matranga die Bühne betrat. Im Vergleich ist Matranga einfach viel stimmgewaltiger und hat mehr Ausstrahlung. Trotzdem war es auch mit Ian Love sehr nett. Fast schon besinnlich. Und einige Songs haben doch bleibenden Eindruck hinterlassen. Wer auf folkige Indieakustiker in Richtung Elliott Smith steht, der sollte sich Ian Love ruhig zu Gemüte führen.
Ich bin aber eindeutig wegen Jonah Matranga auf dem Konzert gewesen. Mir gefielen alle seine drei Bands Far (1991-98), New End Original (2001/02) und Gratitude (2005), sowie sein früheres Soloprojekt Onelinedrawing (1999-2004), und auf dem Rocco Del Schlacko 2006 hat er mich schon total begeistert. Extrem leidenschaftlich und sympathisch präsentiert Matranga, nur mit Gitarre und ipod bewaffnet, Songs der genannten Projekte und seines Jonah-Matranga-Soloalbums „And“ (2007). Außerdem lässt er sich im familiären Ambiente zu recht persönlichen Ansagen hinreißen und spielt Songs, die ihm in manch anderem Rahmen zu privat wären. Er wirkte keineswegs enttäuscht, dass so wenige Gäste gekommen waren. Wenn man sonst überall zufrieden sein kann mit dem Publikum, dann kann man auch mal in Saarbrücken vor 20 Leuten spielen und trotzdem Spaß dabei haben. Der Deutschlandfan und alte Emohase nahm’s gelassen. Matranga ist 1969 geboren und hat einen musikalischen Lebenslauf, der gespickt ist mit bekannten Musiker- und Bandnamen. Heute hat der 38Jährige eine Tochter, lebt in San Fransisco und macht einen sehr ausgeglichenen und jugendlichen Eindruck. Vom Äußeren her irgendwie an einen Proskater aus vergangenen Tagen erinnernd, wirkte Jonah Matranga auf der Bühne fast schon etwas zu euphorisch: Das Leben ist ein Jammertal, aber es lohnt sich, es ist alles für etwas gut. Eine merkwürdige Mischung aus Weltschmerz und übertriebener Lebensfreude. „You're going to make every mistake. Sometimes you're going to fall flat on your face. But just do it with grace, know that I'll be there and love you while you make every mistake” (Every Mistake vom Album And). Mit Britney Spears würde er jedenfalls nicht tauschen wollen! Und die Ideen sprudeln weiterhin aus dem sympathischen Gitarristen. Zurzeit hat er großen Spaß daran, Songs aus den Popcharts zu verfremden. Auch davon gab er etwas zum Besten. Und man hätte wirklich fast glauben können, es handele sich um ganz normale Matranga-Stücke, hätte Jonah nicht mehrmals „to the left, to the left“ ins Mikrofon gehaucht. Es ging keineswegs nur ruhig zu auf dem Konzert, aber ohne Band kann man auch nicht wirklich von einer Rockshow sprechen. Muss man aber auch nicht. Jonah Matranga hat eine wirklich angenehme Stimme und eine positive Ausstrahlung. So waren selbst die leiseren Stücken ein Erlebnis. Von mir aus hätte das Konzert noch viel länger dauern können. Es war eine Atmosphäre wie mit Freunden im Wohnzimmer zu sitzen. Wahrhaftig ein ganz großes kleines Konzert und genau das richtige für ein einsames geschundenes Herz in der Vorweihnachtszeit!
Polly
Wie ist deine Meinung? Hier posten! (0 Postings)
|