Senore Matze Rossi – Und wie geht es deinen Dämonen?

Am 15.02 wird das dritte Soloalbum des ehemaligen Frontmanns von „Tagtraum“ erscheinen. Nach „Und wann kommst du aus deinem Versteck?“ (2006) und „solo(w) boy - so low“ (2004) veröffentlicht Senore Matze Rossi alias Matthias Nürnberger in diesem Jahr 13 Tracks unter dem Titel „…Und wie geht es deinen Dämonen?“. Wie die beiden vorherigen Alben auch diesmal größtenteils in Eigenregie. Senore Matze Rossi ist ein kleiner Fisch im großen Teich des deutschsprachigen Indierocks. Er schwimmt irgendwo zwischen Tomte, Muff Potter und all den anderen. Allerdings hat ihn die perfekte Welle noch nicht ergriffen und seine Alben verkaufen sich „lediglich“ im 1000er Bereich. Es gibt aber keinen Grund, warum sich das 2008 nicht ändern sollte! „…Und wie geht es deinen Dämonen“ ist ein durchweg gelungenes Singer/Songwriter-mit-Band-Album, das weder hängt noch abflacht. Vor 10 Jahren wäre so ein Album eine Katastrophe gewesen, weil man sich nicht hätte entscheiden können, welcher Song unbedingt aufs Lieblingsmixtape gemusst hätte. Fluch oder Segen, heute muss man nicht mehr so geizig mit Platz auf dem Trägermedium umgehen und kann ein Album verkraften, das von der ersten bis zur 51. Minute überzeugt.
Matthias Nürnberger hat keine klassische Gesangs-, sondern eine angenehme raue und markante Punkrockstimme, die auf dem aktuellen Album mal ruhig, flüsternd oder wütend daherkommt und deren man nicht so schnell überdrüssig wird. Die Vielfältigkeit im Gesang trifft man auch musikalisch an. Mit Sven Peks (E-Gitarre), Tobias Götz (Schlagzeug, Percussions), Marius Leja (Bass) und Anja Hofmann (Klavier) hat Matthias Nürnberger eine Begleitband um sich geschart, die ihn sowohl live als auch bei den Aufnahmen mit einem abwechslungsreichen Sound unterstützt. Natürlich alles im Rahmen des Musikstils! Man braucht hier nicht auf Country oder Hip Hop zu hoffen, wir reden über Rockmusik! Aber in diesem Rahmen wandelt Senore Matze Rossi zwischen basslastigen Songs, elektronischen Beats, Haushalts- und Stadtgeräuschen, akustischen und tanzbaren Parts und benutzt Kniffe wie Händeklatschen, Backgroundchor, Mundharmonika, Rasseln und und und. Je nachdem, wo man das Album gerade hört, kann man entweder glauben, dass in der Küche das Fett spritzt, oder dass man im Auto vergessen hat den Blinker auszuschalten. Überall wird man von ungewohnten Klängen und Geräuschen überrascht.
Textlich wird man wenig mit Metaphern oder Allegorien konfrontiert, sondern hauptsächlich mit der alltäglich menschlichen Gefühlswelt. Eine Ausnahme bildet der zweite Song „Hallo Stadt“, in dem der Lebensraum Stadt als menschenfressendes Monster dargestellt wird. Alle anderen Songs sind textlich weniger originell, aber punktgenau und treffend. Jeder, der nicht nur euphorisch durchs Leben tanzt, wird die Wut und Nachdenklichkeit von Senore Matze Rossi nachvollziehen können und sich freuen, dass die eigene Gedankenwelt sich in dieser angenehmen Weise in Text und Musik widerspiegelt. Es geht hier nicht um Gesellschaftskritik oder Politik. Es geht um das Miteinander, um Beziehungen, um den Weg durch Leben.
Neben einer unverblümten Huldigung an Tocotronic mit dem schönen Zitat „ich verbeuge mich vor Dirk von Lotzow für die wunderbare Maxime, es gibt nur cool und uncool und so wie ich mich fühle“ in „Ich lasse mir nichts mehr nehmen“ kann man sich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass man das Gehörte inhaltlich irgendwoher schon kennt*. Es kann mehrere Gründe für diesen Umstand geben. Vielleicht fühlt sich Senore Matze Rossi von anderen deutschen Songs inspiriert und arbeitet sie deshalb bewusst oder unbewusst ein. Vielleicht sind die Themen, die uns wirklich beschäftigen recht begrenzt und man kommt an gewissen Dingen als reflektierter Mensch einfach nicht vorbei. Ganz zu schweigen von der Begrenztheit des Vokabulars um diese Themen dann zu verbalisieren. Vielleicht ist man überfrachtet von dieser Art der Musik. Der Markt ist gesättigt und der vollgefressene Hörer, erinnert deshalb ständig andere Texte und stellt Verbindungen her, wo vielleicht gar keine sind. Man kann also je nach Geschmack zu zwei Ergebnissen kommen. Entweder, dass die Welt ein weiteres deutschsprachiges Album dieser Art nicht braucht oder aber, dass dieses Album sich einreiht in die Riege der ganz großen Lieblingsalben dieses Genres, die einem wirklich ans Herz gehen. Wer nie genug kriegen kann, von guten deutschen Texten mit Wortwitz à la Muff Potter, tomtesquem Charme, tocotronscher Intelligenz und Clickclickdecker-Undergroundflair, der ist mit „…Und wie geht es deinen Dämonen“ sicher bestens bedient.
Des Weiteren überzeugt das Album durch Spielzeit (mehr als 50 Minuten), Preis (weniger als 14€ bei Amazon) und ein Booklet, das mit allen Texten aufwarten kann.
Fazit: Der Kopf hinter dem Projekt ist der Singer-Songwriter Matthias Nürnberger, den man als Tagträumer aus der Deutschpunkszene kennt. Musikalisch geht er hier aber, gemeinsam mit seiner Begleitband einen rockigen, originellen Weg. Die Texte sind melancholisch, wütend und nachdenklich. Als Orientierungshilfe sei gesagt, dass Senore Matze Rossi irgendwo zwischen Tomte und Muff Potter anzusiedeln ist. Und der einzige Grund, warum er weniger berühmt ist, scheint zu sein, dass er es so will. Sonst müsste es an der Schlechtigkeit der Welt liegen und das wollen wir doch nicht hoffe, oder?!
www.senorematzerossi.de
www.myspace.com/senorematzerossi
Sarah Meiser
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* In „Mein Freund und bester Feind“ singt Matthias Nürnberger von all den Dingen, die er für den Hörer sein will. Das hat Clickclickdecker alias Kevin Hamann allerdings 2005 schon in „Mit ohne“ getan. So heißt es 2008 bei Senore Matze Rossi „Ich bin das Stechen unter deinen Rippen. Ich bin der Schmerz in deinem Herz. Ich bin die Angst in deinen Knochen. Ich bin der Nerv, den du verlierst“ und bei Clickclickdecker 2005 „Ich bin das Zählwerk deines Herzschlags. Ich bin der Schweiß auf deiner Haut, bin das Glückshormon das du freisetzt. Ein U-Boot in deinem Gehirn.“ Schon der Titel des Albums und der dazugehörige Song „Nichts ist verloren“, in dem es um den Kampf ums eigene Glück und um die Altlasten eines jeden von uns geht, erinnert an Schrottgrenze und den Song „Meine Dämonen“ von 2004. An Kante denkt man, wenn Matthias Nürnberger in „Alles oder Nichts“ fragt „für was bin ich denn sonst mehr als die Summe meiner verdammten Teile?“ und an Tomte, wenn es in „Du weißt doch wie das geht, oder I“ um leuchtende Buchstaben geht. Und das in „Ich lasse mir nichts mehr nehmen“ angesprochene „Nicht-Tanzen-Können“ hat auch schon mal Farin Urlaub beklagt. Der dritte Song nennt sich „Beste Waffe“ und handelt vom Leben nach dem Scheitern einer Beziehung. Den Titel kennt man allerdings vom But Alive Album „Hallo Endorphin“ von 1999. Thematisch eine völlig andere Geschichte, aber wer sich im deutschen Rock- und Punkbereich bewegt, wird sich textlich hier und da erinnert fühlen. Doch es kann auch nicht immer alles vollkommen neu und innovativ sein. Muss es auch nicht! Genauso war es jedenfalls noch nie da, wird es aber ab dem 15.02.08 sein!
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